Die Alpen sind eine tektonisch aktive Region, wobei sie sich gegenwärtig vergleichsweise langsam und nicht gleichmäßig verformen. Tiefe geologische Prozesse spielen dabei eine geringere Rolle als gedacht. Das haben Forschende der Friedrich-Schiller-Universität Jena gemeinsam mit Partnern aus Deutschland, Italien, Österreich, Polen und Slowenien herausgefunden. Das Team hat erstmals den aktuellen Kenntnisstand zur aktiven Tektonik in den Ost- und Südalpen umfassend zusammengetragen. Die neue Übersichtsstudie ist im Fachjournal „Tectonics“ erschienen. Die Ergebnisse helfen, Naturgefahren in den Alpen realistischer einzuschätzen und genauer zu verstehen, wo es Erdbeben in den Alpen gibt und warum.
Spuren aktiver Tektonik sind im Gelände schwierig zu erkennen
Die Alpen entstanden aus zwei Ur-Ozeanen und zwei Kontinenten: Vor etwa 84 Millionen Jahren begann die adriatische Platte – ein Teil der afrikanischen Platte – sich nach Norden zu bewegen und kollidierte mit der europäischen Platte. Die ehemalige ozeanische Kruste sank ab und die kontinentale Kruste wurde gestaucht. Riesige Mengen an Gestein wurden so nach oben gedrückt, übereinander geschoben, zerbrochen und aufgefaltet. Die Plattenbewegungen dauern bis heute an. Die Folgen sind Erdbeben, wenngleich starke Beben selten sind.
Unklar war bislang, welche Prozesse im Erdinneren die gegenwärtige Verformung der Alpen antreiben. In den vergangenen Jahren konnten Forschende dank moderner geowissenschaftlicher Methoden zwar ein immer besseres Bild vom Aufbau der Erdkruste und des Erdmantels im Alpenraum gewinnen. „Dadurch wissen wir heute genauer als je zuvor, wo unter den Alpen Reste abgesunkener Platten vorhanden sind“, sagt Dr. Christoph Grützner von der Universität Jena. Ob diese sogenannten slabs jedoch die heutige Verformung im Alpenraum bestimmen, war bislang wenig erforscht. Hinzu kommt, dass sich die adriatische Platte und die europäische Platte sehr langsam aufeinander zubewegen. Daher ist es schwierig, aktive Tektonik im Gelände eindeutig zu erkennen. „Spuren tektonischer Bewegung werden oft durch Erosion, Vergletscherung und andere landschaftsformende Prozesse überprägt oder gelöscht“, erklärt Christoph Grützner.
Erhöhte tektonische Aktivität vor allem im Westen Sloweniens und am Rand der Südalpen
Das Forschungsteam wertete nun die Ergebnisse von mehreren Dutzend Studien der vergangenen Jahrzehnte aus und kombinierte verschiedene geowissenschaftliche Datensätze und Methoden. Dazu gehören Seismologie, seismische Tomographie, Geodäsie, Datierungen von Störungszonen, historische Aufzeichnungen von Erdbeben sowie Archäo- und Paläoseismologie, also die Auswertung von Erdbebenspuren an Gebäuden und anderen archäologischen Stätten sowie in geologischen Ablagerungen. Die Forschenden haben vor allem die Entwicklung der vergangenen rund eine Million Jahre in den Ost- und Südalpen untersucht.
Die neue Übersichtsstudie zeigt ein erstaunlich differenziertes Bild: Ein wesentlicher Teil der Verformung konzentriert sich demnach am Rand der Südalpen. Hier treten auch immer wieder verheerende Erdbeben auf, zuletzt 1976 in Friaul. Eine weitere Zone erhöhter Aktivität findet sich im Westen von Slowenien, wo Scherbewegungen von etwa 1,5 Millimetern pro Jahr gemessen werden. Im Inneren der Ostalpen sind ebenfalls aktive große Störungssysteme vorhanden. Dort wird Gesteinsmaterial der Erdkruste langsam nach Osten verlagert – mit Raten von etwa 0,5 bis 1,0 Millimetern pro Jahr. Dieser Prozess dauert schon seit Jahrmillionen an, hat sich aber mittlerweile sehr stark verlangsamt. Zugleich gibt es Bereiche, die sich vergleichsweise wenig oder gar nicht deformieren, wie beispielsweise in den Dolomiten.
Kombination verschiedener geowissenschaftlicher Daten und Methoden macht langsame tektonische Prozesse sichtbar
Nach Einschätzung der Forschenden beeinflusst die Festigkeit der Erdkruste, wo sich Spannungen aufbauen und damit, wo Erdbeben auftreten und sich das Gebirge hebt. „Unsere Daten zeigen, dass wir die heutige Verformung nicht einfach direkt aus tiefen geologischen Prozessen ableiten können“, sagt Erstautor Christoph Grützner. Co-Autorin Gesa Petersen vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung (GFZ) ergänzt: „Die abgerissenen Reste der europäischen Platte unter den Alpen steuern nicht die gegenwärtige Deformation. Wir sehen jedoch einen deutlichen Zusammenhang zwischen der derzeitigen Hebung und den ehemals vergletscherten Gebieten.“ So spielen isostatische Ausgleichsbewegungen eine wichtige Rolle: Seit dem Ende der letzten Eiszeit haben die schmelzenden Gletscher das Gewicht, das zuvor auf die Erdkruste wirkte, stark reduziert. Da die feste Lithosphäre auf der zähflüssigen Asthenosphäre – einer Schicht im oberen Erdmantel – schwimmt, kompensiert sie diesen Massenverlust, indem sie sich allmählich hebt. Die neue Studie unterstreicht damit auch, wie wichtig die Kombination verschiedener geowissenschaftlicher Daten und Methoden in der modernen Geoforschung ist, um langsame tektonische Prozesse zuverlässig zu erfassen.
Text: Claudia Hilbert, Dr. Christoph Grützner
Originalpublikation:
Grützner, Christoph et al. (2026): Active Tectonics of the Eastern and Southern Alps – Crustal Response to Deep Processes? A Review. Tectonics 45(8), e2025TC009267. DOI: 10.1029/2025TC009267
Die Forschungsarbeit ist Teil des Schwerpunktprogramms „SPP2017 Gebirgsbildungsprozesse in 4-Dimensionen (4D‐MB)“, welches 2017-2023 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Mehr Informationen unter: http://www.spp-mountainbuilding.de/
Kontakt:
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dr. Christoph Grützner
Institut für Geowissenschaften
Burgweg 11
07749 Jena, Germany
E-Mail: Christoph.gruetzner@uni-jena.de
Tel.: +49-(0)3641-948609