Der Geothermie-Forschungsstandort des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung in Groß Schönebeck in der Brandenburgischen Schorfheide feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. 2001 wurde eine ehemalige Erdgas-Explorationsbohrung aus den 1990er Jahren wieder nutzbar gemacht und zu einer Forschungsplattform für die Entwicklung geothermischer Technologien ausgebaut. Die Geologie im Norddeutschen Becken ist für viele Regionen Mitteleuropas typisch. Das macht den Standort Groß Schönebeck für Untersuchungen repräsentativ und attraktiv. Hier wurden Erkenntnisse gewonnen und Technologien entwickelt, die heute in der Praxis von Partnern aus der Industrie weltweit eingesetzt und weiterentwickelt werden. Aktuell wird der Standort im Rahmen einer Kooperation von dem dänischen Industriepartner Green Therma genutzt, der hier seine neu entwickelte Rohr-Technologie weltweit erstmals unter realen Bedingungen testen wird.
Im Rahmen einer Festveranstaltung in Groß Schönebeck am 30. Juni 2026 blickten GFZ-Forschende und Gäste auf die zahlreichen wissenschaftlichen und technologischen Erfolge, die dort erzielt wurden, auf aktuelle Projekte, und sie schlugen eine Brücke in die Zukunft – gemeinsam mit Vertreter:innen aus Wissenschaft, Industrie und Politik sowie der örtlichen Bevölkerung.
In der obigen Bildergalerie finden Sie Eindrücke der Veranstaltung.
Prof. Dr. Susanne Buiter, Wissenschaftliche Vorständin des GFZ, würdigte in ihrem Grußwort:
„Geothermie ist und bleibt hoch aktuell: Wir sehen zunehmend, wie uns die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verletzlich macht und dem Klima schadet. Geothermie hat mit ihrer permanenten, regionalen Verfügbarkeit das Potenzial, zu einer tragenden Säule für eine alternative, geopolitisch unabhängige, regenerative Energieversorgung zu werden. Unsere Forschung am GFZ und insbesondere auch am Standort Groß Schönebeck hat dazu beigetragen, hierfür wesentliche wissenschaftliche Grundlagen und technologische Standards zu schaffen. Und sie hat den Transfer von Forschungsergebnissen in die wirtschaftliche Anwendung geebnet. Das hat Zukunft und auf all das kann das GFZ mit Stolz blicken.“
Prof. Dr. Ingo Sass, Leiter der GFZ-Sektion 4.3 Geoenergie, die den Standort Groß Schönebeck betreibt, sagt:
„In der internationalen Wissenschaft genießt Groß Schönebeck den Ruf einer verlässlichen Wissens- und Datenquelle, auf die in zahlreichen Publikationen und Forschungsarbeiten zurückgegriffen wird.Erfolgreiche Geothermieforschung für geothermische Lösungen der nächsten Generation kann aber nur gelingen, wenn wir auch mit der Industrie, den Anwendern und den Kommunen eng zusammenarbeiten – auf lokaler wie internationaler Ebene. Und wenn wir die Bevölkerung vor Ort einbeziehen. Von unseren positiven Erfahrungen, die wir hierzu in Groß Schönebeck gesammelt haben, profitieren wir auch in vielen anderen Projekten.“
Jørgen Peter Rasmussen, Gründer und CEO von Green Therma, sagt aus Perspektive der Wirtschaft:
„Unser Projekt stellt einen Meilenstein in der Technologie zur Gewinnung geothermischer Energie dar. Durch die Demonstration der Leistungsfähigkeit der DualVac™-Isolierung an der Geothermie-Forschungsplattform des GFZ in Groß Schönebeck machen wir einen essentiellen Schritt hin zu einer globalen, effizienten und skalierbaren Nutzung tiefer geothermischer Wärme.“
Hintergrund: Geothermie und ihre Potenziale
Die Hitzewelle der vergangenen Tage hat uns nicht gerade auf das Thema Heizen eingestimmt. Doch der nächste Winter kommt bestimmt. Und wir sehen nicht erst seit den Kriegen in der Ukraine und im Iran, wie verletzlich uns die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern macht. Auch der fortschreitende Klimawandel ist ein wesentlicher Antrieb, nach alternativen, CO2-armen Lösungen auch für die Wärmeversorgung zu suchen. Sie macht immerhin rund die Hälfte des deutschen Gesamtenergieverbrauchs aus und ist noch viel zu wenig mit Alternativen abgedeckt.
Unter unseren Füßen schlummert hierfür ein großer Schatz: Die Wärme der Erde. Geothermie hat das Potenzial, zu einer tragenden Säule regenerativer Wärmeversorgung zu werden: In der Roadmap Tiefe Geothermie schätzen Expert:innen von GFZ und Fraunhofer, dass mindestens ein Viertel der in Deutschland benötigten Wärme durch geothermische Technologien bereitgestellt werden kann. Und Geothermie kann – apropos Hitzewelle – auch zum effizienten Kühlen beitragen.
Geothermie ist erneuerbar und CO2-arm, sie ist grundlastfähig, also permanent verfügbar, unabhängig von Tages- und Jahreszeiten oder der Witterung. Und sie ist heimisch, unabhängig von geopolitischen Risiken. Wir können sie in vielen Gegenden Deutschlands erschließen. Auch hier in Brandenburg und Berlin.
Dass und wie Geothermie möglichst effizient genutzt werden kann, welche geologischen Formationen im Untergrund besonders vielversprechend sind, welche Technologien eingesetzt werden können, um dabei so effizient, sicher und umweltschonend wie möglich zu agieren – all das erforscht und entwickelt das GFZ seit 25 Jahren sehr erfolgreich, auch am Forschungsstandort Groß Schönebeck in der Brandenburger Schorfheide.
Forschungsstandort Groß Schönebeck
Im Jahr 2001 wurde in Groß Schönebeck eine ehemalige Erdgasexplorationsbohrung aus den 1990er Jahren wieder nutzbar gemacht und zu einer Forschungsplattform für die Entwicklung nachhaltiger geothermischer Technologien ausgebaut. Die für weite Teile Mitteleuropas typische Geologie macht den Standort Groß Schönebeck für Untersuchungen unter realen Bedingungen repräsentativ. Die gewonnenen Ergebnisse sind auf Regionen ähnlicher geologischer Bedingungen weltweit übertragbar.
Zu Meilensteinen in der Exploration sagt Dr. Ben Norden, Leiter der Arbeitsgruppe „Explorationsgeologie“ in der GFZ-Sektion 4.3 Geoenergie:
„In Groß Schönebeck wurden innovative Erkundungstechniken und ihre integrative Auswertung für die Darstellung tiefer geothermischer Reservoire erprobt und weiterentwickelt. Das umfasst vor allem geophysikalische Verfahren wie die Magnetotellurik und 3D-Seismik zur genaueren Kartierung von subsalinaren Untergrundstrukturen, sowie den Einsatz von Glasfaserkabeln in den Tiefbohrungen zur Messung der akustischen Gesteinseigenschaften. Diese Methode erlaubt eine verbesserte Charakterisierung der Rotliegend Sandsteine, die sonst von mächtigen Zechsteinsalzablagerungen überlagert werden und übertägigen Methoden nicht zugänglich sind.“
Zu Meilensteinen im Reservoir-Engineering sagt PD Dr.-Ing. Guido Blöcher, Leiter der Arbeitsgruppe „Sustainable Production Technologies“ in der GFZ-Sektion 4.3 Geoenergie:
„Wir haben eine ehemalige Gasexplorationsbohrung durch eine zweite Bohrung zu einer geothermischen Dublette ausgebaut, die Einspeisung von kaltem und Förderung von warmem Wasser erlaubt. Die Entwicklung und Testung eines hydraulisch stimulierten Multi-Riss-Systems im Untergrund hat neue Maßstäbe für die Erschließung gering durchlässiger geothermischer Reservoire in Deutschland und international gesetzt und den Transfer von Forschungsergebnissen in die wirtschaftliche Anwendung geebnet.“
Aktuelle Forschungsprojekte am Standort
Das EU-geförderte Projekt „CRM-Geothermal“ untersucht in einem ganzheitlichen Ansatz die kombinierte Gewinnung von Erdwärme und kritischen mineralischen Rohstoffen wie Lithium aus geothermischen Fluiden in Europa und Ostafrika. Diese kritischen Rohstoffe (CRM – „critical raw materials“) sind essenziell für die Energiewende und den digitalen Wandel, werden allerdings bisher überwiegend aus außereuropäischen Ländern importiert, in denen die Umwelt- und Ethikstandards weniger streng sind als in der EU. Die EU verfügt jedoch über eine weitgehend ungenutzte Ressource in Form von geothermischen Fluiden, von denen einige erhebliche Mengen an CRM enthalten. Die kombinierte Gewinnung von Wärme und Mineralien aus geothermischen Reservoiren bietet eine Reihe von Vorteilen: Sie maximiert die Rendite von Investitionen, vermeidet zusätzliche Landnutzung und minimiert Umweltauswirkungen.
Zu den geochemischen Potenzialen sagt Prof. Dr. Simona Regenspurg, Leiterin der Arbeitsgruppe „Geothermische Fluide“ in der GFZ-Sektion 4.3 Geoenergie:
„Im Thermalwasser von Groß Schönebeck liegen verschiedene Salze, auch kritische Rohstoffe, in hohen Konzentrationen gelöst vor. Deren umweltgerechte Gewinnung erfordert weitere Forschung, denn diese Rohstoffe bergen immense wirtschaftliche Chancen bei einer Co-Nutzung mit der Wärmegewinnung.“
Das EU-Projekt „TRANSGEO“ untersucht, wie stillgelegte Bohrlöcher und Anlagen aus der Gas- und Ölförderung für geothermische Anwendungen nachgenutzt werden können. Das ist für die Industrie von großem Interesse, da Bohrungen den größten Kostenfaktor bei Geothermieprojekten darstellen. Die Um- bzw. Nachnutzung bereits existierender Bohrlöcher kann die Anfangsinvestitionen erheblich reduzieren. Zudem ist das Fündigkeitsrisiko deutlich geringer als bei einer Neubohrung, da die Akten alter Bohrungen Auskunft über die geologischen Bedingungen geben. Neben dem Bohrloch selbst kann oft auch vorhandene Infrastruktur genutzt werden. Auch vermeidet eine Nachnutzung neue Eingriffe in die Landschaft und reduziert damit auch den CO2-Fußabdruck.
Prof. Dr. Hannes Hofmann, Leiter der Helmholtz-Nachwuchsgruppe ARES „Fortgeschrittene Reservoir-Engineering-Konzepte zur kontrollierten Nutzung tiefer Geothermie in urbanen Gebieten“ in der GFZ-Sektion 4.3 Geoenergie, resümiert:
„Durch die Bewältigung technischer, regulatorischer und wirtschaftlicher Herausforderungen zeigten die Partner, dass bestehende Bohrlochinfrastrukturen effektiv umgenutzt werden können, um die Erzeugung erneuerbarer Energien zu unterstützen und gleichzeitig Umweltbelastungen und Investitionskosten zu senken.“
Zurzeit wird der Standort Groß Schönebeck im Rahmen von TRANSGEO von dem dänischen Industriepartner Green Therma genutzt. Das Unternehmen installiert dort zum weltweit ersten Mal das DualVac™-Vakuumrohr-Verfahren, das Wärme aus mehr als drei Kilometern Tiefe mit minimalen Verlusten nach oben transportieren soll. Dafür wird nur noch eine Bohrung und ein darin installiertes – koaxiales – Rohr benötigt, das vertikal nach unten reicht und dann horizontal abknickt, wo es einige Kilometer verlaufen kann. Im Außenbereich des Rohres strömt kaltes Wasser nach unten, das sich auf dem Weg durch den Untergrund erwärmt und im Inneren des Rohres zurückströmt. Damit es dabei keine Wärme verliert, sind Innen- und Außenbereich des Rohres durch eine Vakuumisolierung voneinander getrennt.
Mit dem Duplex-Rohr soll erstmals demonstriert werden, wie der Wärmeentzug aus einer so tiefen Bohrung gelingen kann, ohne Wasser zu entnehmen. „Sollte sich die Technologie bewähren, könnte sie die Effizienz von Tiefengeothermie-Anlagen deutlich steigern und erneuerbare Wärmequellen an Standorten erschließen, die bisher als zu schwierig oder zu kostspielig galten“, so Green Therma.
Weitere Infos dazu finden Sie hier.
Grundsätzlich werden Brandenburg und das Norddeutsche Becken als Geothermie-Standort immer interessanter: In Groß Schönebeck wird an einem Konzept für eine perspektivische Wärmeversorgung mit Geothermie gearbeitet, weitere Aktivitäten größerer Dimension gibt es u.a. in Prenzlau, wo kürzlich eine erfolgreiche Bohrung stattgefunden hat, Schwerin, Neuruppin und Potsdam (Kooperation der GFZ mit der Energie und Wasser Potsdam GmbH (EWP) und Bohrstart für eine zweite Geothermieanlage in Potsdam am Standort Heizkraftwerk Süd).
Weiterführende Informationen:
Weitere Informationen zum Thema Geothermie finden Sie auf unserer Spotlight-Seite.
In mehreren Podcasts haben kürzlich Forschende des GFZ Auskunft zum Thema Geothermie gegeben:
Geothermie
Gespräch mit Prof. Dr. Ingo Sass, Leiter der GFZ-Sektion 4.3 Geoenergie:
Wie bekommt man die natürlich vorhandene Wärme aus dem Boden heraus und von dort weiter zu den Verbraucher:innen? Welche technologische und sonstigen – insbesondere kommunikativen – Herausforderungen gibt es?
https://erdeumwelt.podigee.io/11-erdwarme
Helmholtz Talks – Wissenschaft und Politik im Gespräch
Geothermie: Der verborgene Schlüssel für unsere Zukunft?
In der 10. Folge des Podcasts ist Prof. Dr. Magdalena Scheck-Wenderoth, Leiterin der GFZ-Sektion 4.5 „Untergrund-Prozessmodellierung“, zu Gast. Sie diskutiert mit Lars Rohwer, dem Berichterstatter zum Thema Geothermie für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Es wird ein Blick geworfen auf die aktuellen politischen Maßnahmen, darunter das Geothermie-Beschleunigungsgesetz und die Hightech Agenda Deutschland.
Der Podcast ist eine Kooperation zwischen der Dialogplattform Helmholtz KLIMA und dem RIFS Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit am GFZ.
https://helmholtz-talks.podigee.io/10-geothermie-der-verborgene-schlussel-fur-unsere-zukunft
detektor.fm – Forschungsquartett
Der Energie-Schatz unter unseren Füßen
Im Gespräch mit PD Dr. habil. Sven Fuchs, Leiter der Arbeitsgruppe „Hydrothermale Geothermie“ in der GFZ-Sektion 4.3 Geoenergie.
Direkt unter unseren Füßen schlummert eine gigantische, klimaneutrale Energiequelle, die völlig unabhängig von Wetter und Weltmarktpreisen ist. Geothermie hat großes Potenzial, unsere Städte nachhaltig zu heizen. Doch warum heizen wir nicht schon längst überall mit Erdwärme?
https://detektor.fm/wissen/forschungsquartett-geothermie