Erdbeben gehören zu den verheerendsten Naturereignissen: Zusammen mit den direkten Folgeerscheinungen wie Tsunamis und Hangrutschungen sind sie für 58% der Todesopfer weltweit und für 21 % der wirtschaftlichen Verluste durch Naturkatastrophen verantwortlich.1,2Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat – beginnend 2026 – den 29. April jedes Jahres zum Internationalen Tag zum Gedenken an die Opfer von Erdbeben erklärt. Damit sollen sowohl die Notwendigkeit der Unterstützung von Erdbebenopfern als auch der Aufbau von Widerstandsfähigkeit gegenüber Erdbeben hervorgehoben werden.
Am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam ist die Forschung zu Ursachen, Vorläuferphänomenen und Möglichkeiten einer Vorhersage von Erdbeben sowie die Einschätzung der Gefährdung für Regionen in aller Welt ein Schwerpunktthema, an dem Wissenschaftler:innen in diversen Sektionen forschen.
Ein Ergebnis dieser Forschung sind vielfältige Informationsangebote, die sich sowohl an die internationale Fachcommunity und an Behörden richten als auch an Menschen, die in erdbebengefährdeten Regionen leben oder dorthin reisen.
Anlässlich des erstmaligen Welttags der Erdbebenopfer haben wir hier die wichtigsten GFZ-Informationsangebote zusammengestellt:
Die Übersichtsseite „Aktuelle Erdbebeninformationen“ bietet Hintergrundinformationen zu Erdbeben und den Zugang zu verschiedenen Datenportalen, die aktuelle Daten liefern und die im Folgenden z.T. einzeln aufgeführt sind.
Für Fachleute (und interessierte Laien)
Mit der interaktiven Karte stellt das GFZ basierend auf dem globalen GEOFON-Messnetzwerk aktuelle und vergangene Erdbebendaten von mehr als 80 eigenen und weiteren rund 1000 Stationen anderer Dienste aus aller Welt zur weiteren Nutzung, Erkundung und Bearbeitung bereit. Ein Video-Tutorial hilft denjenigen, die das Portal zum ersten Mal nutzen.
Gefährdungskarten
Seismolog:innen entwickeln seismische Gefährdungskarten für viele Regionen weltweit bzw. tragen mit ihren Arbeiten dazu bei. Damit kann die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von starken Bodenerschütterungen durch Erdbeben für einen festgelegten Zeitraum angegeben werden. Die Karten richten sich vorwiegend an Fachleute.
Deutschlandkarte Erdbebenaktivität und Erdbebengefährdung
Erdbebenrisiko in Europa (nur auf Englisch)
Zusammen mit internationalen Partnern haben GFZ-Forschende 2025 eine aktualisierte „World Stress Map“ veröffentlicht. Diese Karte zeigt Spannungen in der Erdkruste und ist wichtig für das Verständnis von Plattentektonik, Erdbebenzyklen sowie für die sichere Nutzung des Untergrunds, etwa bei Geothermie oder der Lagerung radioaktiver Abfälle. Das Update umfasst mehr als doppelt so viele Daten wie 2016, darunter Analysen aus über 3.000 Tiefbohrungen. Insgesamt wuchs die Datenbasis seit 1992 von 7.300 auf über 100.000 Einträge. Die Daten und Karten sind frei zugänglich, ebenso ein Online-Tool zur Erstellung eigener Spannungskarten.
Für interessierte Laien und Schulklassen
Die Weltkarte Erdbebenaktivität bietet eine Übersicht über die Erdbeben der Jahre 2008 bis 2023. Sie kann als Poster ausgedruckt werden.
Lehrmaterialien für Schüler:innen finden sich in der Rubrik „Arbeitsmaterialien“ weiter unten auf der Website „Aktuelle Erdbebeninformationen“.
Für Reisende
Merkblatt: Verhalten bei Erdbeben
Das Merkblatt wurde in Kooperation mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe vom GFZ im vergangenen Jahr überarbeitet. Es gibt Menschen, die in erdbebengefährdete Gebiete reisen oder dort leben, Hinweise zur adäquaten Vorbereitung, zum Verhalten während eines Bebens und danach.
Hintergrund: Was macht Erdbeben so gefährlich?
Es gibt verschiedene Aspekte, die für die hohen Opferzahlen und Schäden von Erdbeben weltweit eine Rolle spielen. Ein Merksatz lautet: Es sind nicht die Erdbeben, die Menschen töten, sondern die Gebäude. Mangelnde Standsicherheit oder fehlende Baunormen sind daher ein wichtiger Faktor. Hinzu kommt, dass es bis heute nicht möglich ist, Erdbeben vorherzusagen. Wichtig für die Hilfe nach einem Beben sind die schnelle Alarmierung von Rettungsdiensten und möglichst exakte Informationen zum Ort und zur Stärke des Bebens. Die Folgen eines Erdbebens können weitere Opfer nach sich ziehen, zum Beispiel durch Tsunamis, Nachbeben oder spätere Hangrutschungen.
Beiträge der GFZ-Forschung zur Minderung des Gefährdungspotenzials für Menschen durch Erdbeben
Thema: Erdbebenvorhersage – „Der heilige Gral“
„Die Vorhersage des Zeitpunkts, der Stärke und des Ortes von Erdbeben ist der heilige Gral der Seismologie, aber mit dem heutigen Stand der Forschung nicht möglich. Eine solche Vorhersagemöglichkeit wäre ein Durchbruch, der Millionen Menschenleben retten könnte“, sagt Prof. Marco Bohnhoff, Leiter der GFZ-Sektion 4.2 Geomechanik und Wissenschaftliches Bohren. „Wir nehmen an, dass Erdbeben im allgemeinen Vorläuferprozesse vorausgehen. Diese Vorgänge lassen sich jedoch in der Natur schwer messen, da wir nicht nah genug an den Ort des Geschehens in mehreren Kilometern Tiefe herankommen.“
Daher nutzen die Forschenden Experimente im Hochdruck-Labor, um Erdbeben und die damit verbundenen Bruchprozesse auf kleiner Skala unter kontrollierten Bedingungen zu analysieren. Im Labor beobachtete Muster können helfen, ähnliche Phänomene auch im Gelände zu identifizieren und so zeitig zu erkennen, dass Warnsysteme aktiviert werden können. Dazu suchen die Wissenschaftler:innen auch im Nachgang von natürlichen Beben nach vorausgehenden Mustern und Vorläuferphänomenen. Erste Ergebnisse hierzu gibt es in der Folge der katastrophalen Bebenserie in der Türkei und Syrien 2023.
Thema: Bessere Gebäudesicherheit
Das GFZ engagiert sich in deutschen und europäischen Gremien, in denen Normen für erdbebensicheres Bauen entwickelt werden.
Umgekehrt fließen Gebäudedaten in die Risikoanalyse ein, die auf Basis seismischer Gefährdungskarten weiterentwickelt wird. Ziel ist es, mithilfe numerischer Modelle das Ausmaß der Schäden an jedem Gebäudetyp bei starken Erschütterungen (die Fragilität) und die entsprechenden Auswirkungen in Form von wirtschaftlichen oder menschlichen Verlusten (die Anfälligkeit) vorherzusagen.
Thema: Gut funktionierender Zivilschutz
Wenn schwere Erdbeben passiert sind, brauchen der Zivil- und Katastrophenschutz vor Ort möglichst schnell und umfassend Informationen über Ort und Ausmaß der Katastrophe. Hier liefert das GFZ mit dem weltweiten Dienst GEOFON entsprechende Daten automatisiert innerhalb von wenigen Minuten.
Ein weiterer Ansatz ist die Nutzung von Smartphone-Daten zur sofortigen Einschätzung der Lage von Menschen vor Ort.
Thema: Erdbebengefährdung in Deutschland
Die Erdbebengefährdung in Deutschland ist im globalen Vergleich zwar relativ gering, aber nicht vernachlässigbar. Insbesondere im Rheingebiet, auf der Schwäbischen Alb sowie in Ostthüringen und Westsachsen mit dem Vogtländischen Schwarmbebengebiet kommt es immer wieder zu kleineren Erdbeben. Deutlich fühlbare oder gar schadenverursachende Erdbeben gehören in Deutschland allerdings zu den seltenen Ereignissen.
Deutschlandkarte Erdbebenaktivität und Erdbebengefährdung
Erdbebenrisiko in Europa (nur auf Englisch)
Neue Episode des Podcasts „Forschungsquartett“ von detector.fm zum Thema Erdbebenforschung am GFZ (ab. 29.4.2026)
Die Seismologin Dr. Annabel Händel aus der GFZ-Sektion 2.6 „Erdbebengefährdung und Dynamische Risiken“ spricht über die Entstehung von Erdbeben am Beispiel der Region Istanbul, über Erdbebengefährdung in Deutschland und über neue Technologien zur Detektion und Überwachung von Erdbeben. So wird u.a. in dem von ihr gemanagten großen Projekt SAFAtor die Nutzung von Telefon-Glasfaserkabeln als Erschütterungssensor erforscht.
1 EM-DAT – The International Disaster Database, www.emdat.be
2 https://www.munichre.com/de/risiken/naturkatastrophen/erdbeben.html
Mehr Informationen zur Erdbeben-Forschung am GFZ sowie Kontaktdaten einzelner Forschender finden Sie auf der Übersichtsseite „Aktuelle Erdbebeninformationen“ und auf den dort verlinkten Sektionsseiten.